{"id":16434,"date":"2023-11-20T09:59:50","date_gmt":"2023-11-20T07:59:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.evangelisch-in-jerusalem.org\/?p=16434"},"modified":"2023-11-20T10:12:27","modified_gmt":"2023-11-20T08:12:27","slug":"nach-kriegsbeginn-die-hoffnung-bleibt-laura-bishara-berichtet-aus-talitha-kumi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.evangelisch-in-jerusalem.org\/en\/2023\/11\/20\/nach-kriegsbeginn-die-hoffnung-bleibt-laura-bishara-berichtet-aus-talitha-kumi\/","title":{"rendered":"Nach Kriegsbeginn: Die Hoffnung bleibt. <br>Laura Bishara berichtet aus Talitha Kumi"},"content":{"rendered":"<p><em>In Talitha Kumi, der lutherischen Schule in Beit Jala, geht der Unterricht weiter. Aber es braucht viel Trost und Beistand: Die stellvertretende Schulleiterin Laura Bishara gibt einen pers\u00f6nlichen Einblick in die Schultage nach dem Beginn des Gaza-Krieges.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Laura Bishara, 18.11.2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Bombenangriff aus Gaza war sehr laut, zwei weitere folgten. Fast alle aus der Lehrerschaft h\u00f6rten auf zu unterrichten. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gerieten in Panik, alle rannten durcheinander. Da Talitha Kumi in der N\u00e4he des Ortes liegt, an dem die ersten Raketen der Hamas einschlugen, musste die gesamte Schule sofort evakuiert werden. Wir informierten die Eltern, dass sie ihre Kinder von der Schule abholen sollten. Nach etwa einer Stunde wurde es still in Talitha Kumi. Kein Laut war zu h\u00f6ren. Ich war die Letzte, die das Schulgel\u00e4nde verlie\u00df. Voller Entsetzen ging ich zum Parkplatz, wo mein Auto stand. Das Tor am Haupteingang von Talitha Kumi war verschlossen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass es bis auf weiteres verschlossen bleiben w\u00fcrde. Es war der 7. Oktober 2023. Der Tag, an dem der Krieg in Pal\u00e4stina erneut ausbrach. Daraufhin wurde Talitha Kumi f\u00fcr zwei Wochen geschlossen. Der Schulweg war f\u00fcr die Kinder zu gef\u00e4hrlich. Aufgrund der exponierten Lage der Schule entschied die Schulleitung, dass das gro\u00dfe Eingangstor von Talitha durchgehend geschlossen bleiben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Situation in der Gegend von Bethlehem war nicht besser. Die israelische Milit\u00e4rverwaltung schloss alle Zugangs- und Kontrollpunkte in der Region. Niemand konnte die Stadt erreichen oder verlassen. Kein Auto konnte einen Checkpoint passieren. Alle Menschen hatten Angst, ihre H\u00e4user zu verlassen, weil sie bef\u00fcrchteten, bombardiert zu werden oder mit israelischen Soldaten zusammenzusto\u00dfen. So blieben die Menschen in Bethlehem zuhause und verfolgten in den Fernsehnachrichten alle Geschehnisse. Als Schulleiterin musste ich allerdings jeden Tag zum Schulgel\u00e4nde. Das war nicht einfach. Am Anfang rief mich meine Familie zehnmal an und fragte, ob ich in Sicherheit sei.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Schlie\u00dfung des Schulgel\u00e4ndes wurde der Unterricht online fortgesetzt, was f\u00fcr alle eine schwierige Umstellung bedeutete. Lehrende und Lernende mussten sich intensiv auf die Online-Stunden vorbereiten. Ich selbst habe viel Online-Unterricht gegeben und dabei gesp\u00fcrt, dass meine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mehr \u00fcber ihre Gef\u00fchle und Emotionen im Zusammenhang mit dem Krieg sprechen wollten als \u00fcber Mathematik oder Deutsch. Es ist nicht leicht, in diesen schwierigen Zeiten zu unterrichten. Aber der Unterricht ging weiter. Jeden Tag in die Schule zu gehen und die leeren Pausenh\u00f6fe und Klassenzimmer zu sehen, f\u00fchlte sich wirklich traurig und niederschmetternd an. Ich erinnerte mich daran, wie sich die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verhielten, als wir die Schule evakuierten und wie einige von ihnen weinten. Leider mussten unsere deutschen Lehrkr\u00e4fte und unser deutscher Schulleiter, Matthias Wolf, wegen des Krieges das Land verlassen. Das hat uns noch mehr Tr\u00e4nen in die Augen getrieben. Wir sind ein Team und eine Familie, und ihre Anwesenheit gab uns bis zum Abschied Hoffnung und Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zwei Wochen rief ich das Bildungsministerium in Bethlehem an und bat um die Erlaubnis, den Unterricht an der Schule wieder aufzunehmen. Das war keine leichte Entscheidung! Sie bedeutete f\u00fcr die Schule viele Ver\u00e4nderungen und Opfer. Zuerst mussten wir das Verkehrsproblem l\u00f6sen, denn alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollten das Schulgel\u00e4nde durch den kleinen Hintereingang betreten. Zweitens mussten wir uns mit dem Problem auseinandersetzen, dass einige gar nicht zum Unterricht kommen konnten. Das betraf die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus Jerusalem oder aus abgelegenen D\u00f6rfern rund um Bethlehem, die abgeriegelt waren. Drittens waren die deutschen Lehrkr\u00e4fte nicht vor Ort, also mussten wir einen Plan ausarbeiten, wie sie den Unterricht online weiterf\u00fchren konnten. Wir mussten schnell daran arbeiten, um alle technischen Probleme zu beheben und die Laptops der Klassen auf den neuesten Stand zu bringen. Au\u00dferdem mussten wir den Schultag verk\u00fcrzen, damit alle Sch\u00fcler fr\u00fcher nach Hause zu ihren Familien gehen konnten, bevor es m\u00f6glicherweise wieder gef\u00e4hrlich wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Tag, an dem wieder Leben in Talitha Kumi herrschte, war herrlich. Alle Lehrerinnen und Lehrer kamen fr\u00fch mit einem versteckten L\u00e4cheln im Gesicht in die Schule. Sie freuten sich, ihre Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler wiederzusehen. Aber ihre Freude wurde getr\u00fcbt durch die Gedanken an die vielen Menschen, die um sie herum get\u00f6tet wurden. Die Lehrerschaft hatte aufgrund der besonderen Situation mehr zu tun und musste daf\u00fcr sorgen, dass sich die Sch\u00fcler in der Schule sicher f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler waren durch die Evakuierung der Schule und die Bilder, die sie t\u00e4glich in den Nachrichten sahen, traumatisiert und wollten zu Hause bleiben. Sie dachten, die Schule sei nicht sicher und die Raketen k\u00f6nnten jederzeit wieder einschlagen. Einige Eltern riefen mich deshalb an und baten mich, mit ihren Kindern zu sprechen, um sie davon zu \u00fcberzeugen, dass die Schule sicher sei und sie wieder zur Schule gehen k\u00f6nnten. Ich habe sie daraufhin ermutigt, in die Schule zu kommen und ihnen versichert, dass wir bei ihnen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Woche war die Schule wieder zu 90 Prozent besetzt. Aber als ich an den Klassenzimmern entlang durch die G\u00e4nge schritt, sah ich Entsetzen und Unsicherheit in den Augen vieler Sch\u00fcler und Lehrer. Sie waren \u00fcberw\u00e4ltigt von all den Gef\u00fchlen, die sie in sich trugen. Ist dies der letzte Schultag? K\u00f6nnen wir morgen unsere Freunde wiedersehen? K\u00f6nnen wir morgen aus dem Haus gehen? Was wird mit all diesen toten Opfern in Gaza geschehen? Wird das Leben jemals wieder normal sein? Wir sahen die Notwendigkeit, in der Schule noch mehr emotionale Unterst\u00fctzung zu bieten. Das \u00fcbernahmen unsere Sozialarbeiter, die in alle Klassen gingen und dazu ermutigten, \u00fcber das zu sprechen, was alle gesehen hatten: die Bilder von Bombardements, schreienden Frauen und toten Kindern. Auch unsere anderen Mitarbeitenden und die Lehrerschaft unterst\u00fctzten die Kinder und Jugendlichen in Talitha Kumi. Sie l\u00e4chelten ihnen ins Gesicht, nahmen sie in den Arm und gaben ihnen Raum, das auszusprechen, was sie bewegt. Und dies, obwohl die Erwachsenen selbst dringend Hilfe brauchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Tag ist nun eine neue Herausforderung. Wir wissen nicht, was die Zukunft f\u00fcr uns bereith\u00e4lt. Von einer Minute auf die andere kann etwas passieren, das eine Unterbrechung des Schulbetriebs oder sogar eine erneute Schlie\u00dfung der Schule erforderlich macht. Auch die vielen Streiktage, die in der Westbank ausgerufen werden, machen die Arbeit nicht leichter. Doch ich sehe, wie wichtig Bildung heutzutage ist. Ich w\u00fcnsche mir, dass Talitha Kumi erhalten bleibt und ihre Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler erreicht. Talitha war immer ein Licht f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Sch\u00fclerschaft und konnte sie motivieren, zu lernen und sich eine Zukunft aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen schwierigen Tagen bitten wir Gott, dass er sein Auge auf uns richtet und uns vor allen Gefahren sch\u00fctzt. Wir bitten um den Segen des Himmels f\u00fcr unser Land, damit Frieden einkehren kann. Ich glaube, dass der Frieden eines Tages kommen wird, aber bis dahin arbeiten wir weiter mit dem st\u00e4rksten Werkzeug, das wir haben: Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Laura Bishara<\/em><br><em>Pal\u00e4stinensische Schulleiterin von Talitha Kum<\/em>i<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Danke!<br><\/strong>Talitha Kumi bedankt sich herzlich bei allen Freundinnen und Freunden der Schule f\u00fcr Gebete, Gedanken, aufmunternde Worte und Unterst\u00fctzung. Diese Verbundenheit tr\u00e4gt Talitha in diesen schweren Tagen. Shukran!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.talithakumi.org\/de\/nach-beginn-des-gaza-krieges-die-hoffnung-bleibt\">www.talithakumi.org\/de\/nach-beginn-des-gaza-krieges-die-hoffnung-bleibt<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Talitha Kumi, der lutherischen Schule in Beit Jala, geht der Unterricht weiter. 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